Zehn Jahre Kanada – EU
Am 6. Juni 2017 hielt die damalige kanadische Außenministerin Chrystia Freeland eine Grundsatzrede vor dem House of Commons in Ottawa. In Reaktion auf die ersten Monate der ersten Amtszeit des US-Präsidenten Trump hob sie die Bedeutung internationaler Prinzipien und von Werten in der Politik hervor, denen sich Kanada unverändert verpflichtet fühle. Sie bilanzierte das internationale System seit der Zwischenkriegszeit und erteilte Politiken nationaler Abschottung eine klare Absage. Schon vor 9 Jahren wurde deutlich, dass Kanada und die EU vieles gemein haben und sich denselben Prinzipien verpflichtet fühlten – die von Trump massiv infrage gestellt und unterhöhlt wurden.
In der zweiten Amtszeit Trumps geschieht dies alles noch massiver und rücksichtsloser, Trumps Politik bedroht die Sicherheit und den Wohlstand der bisher engsten Partner der USA.
Mark Carney und die EU: Von Davos nach Brüssel
Darauf hatte der gegenwärtige Regierungschef Kanadas, Mark Carney, in seiner Rede am 20. Jänner 2026 vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos reagiert. Er sprach in Anlehnung an Václav Havels Formulierung „The Power of the Powerless“ von den internationalen politischen Optionen, die Kanada, die EU und Andere hätten, er hob die bestehende Resilienz hervor, die es zu nutzen gelte. Besonders „Resilienz“ spielt auch wieder eine wichtige Rolle in seiner aktuellen Rede vor dem EU-Parlament.
Im Jänner 2026 hatte er außerdem eine kritische Bilanz des Internationalen Systems seit 1945 gezogen und darauf hingewiesen, dass die großen Mächte zu keinem Zeitpunkt auf eine Politik nach dem Prinzip des „Rechts des Stärkeren“ verzichtet hätten.
In dem seit Davos vergangenen guten halben Jahr hat sich die globale Lage drastisch verschlechtert, konkretes Handeln ist gefragt.
Kanada als „erstes assoziiertes Mitglied der EU“
Nach wie vor geht es ebenso wenig wie 2017 um einen Beitritt Kanadas zur EU, aber um eine wesentlich stärkere Vernetzung von Kanada und EU. Die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte in ihrer Rede zur Lage der EU am Vortag (16.9.2026) vor dem EU-Parlament gefordert, Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der EU zu machen.
Diesen Status sehen die EU-Verträge nicht direkt vor, es würde also einer gewissen juristischen Kreativität bedürfen, diesen Status aus den Vertragsbestimmungen als machbar abzuleiten. Aber die Benennung eines besonders engen Verhältnisses ist nicht die Hauptsache. Vielmehr geht es um die Konkretisierung des Vorhabens einer immer engeren Verbindung. Gelingt dies, könnte das beispielgebend werden für andere Länder. Auch solche, die bisher ähnliche Vorschläge als „zu wenig“ abgelehnt haben. Früher wurde das in Bezug auf die Türkei ins Spiel gebracht, in jüngerer Zeit bezüglich der Ukraine.
Abgesehen von verschiedenen Vereinbarungen zwischen Kanada und der EU aus der letzten Zeit ist schon der Umstand, dass der Regierungschef eines Nicht-EU-Landes vor dem EU-Parlament eine Rede hält, von hoher symbolischer Bedeutung.
Carney macht in seiner Rede deutlich, dass er die Grundlagen der EU und Europas sehr gut kennt und wertschätzt. Er hebt die Komplementarität von Kanada und EU hervor und skizziert die vielen Felder, auf denen eine Kooperation fruchtbringend ist (Klimawandel; Rohstoffe; KI; Sicherheit; Rüstung; Finanzsektor etc.). Schaut man auf seine Vorschläge für einen gemeinsamen Finanzraum, der bisher nicht einmal in der EU realisiert wurde, sieht man, wie sehr Carney zum Zugpferd wird oder werden könnte.
Mark Carney als Zugpferd für die EU
In der EU mangelt es angesichts des üblichen Durchwurschtelns durch die sukzessiven und parallelen Krisen durchaus an visionärer Kraft. Mehr vom Guten, was die EU gebracht hat, ist immer schön und erstrebenswert, aber das reicht für die Fortentwicklung der EU nicht aus. Carney scheint sich mit Visionen leichter zu tun, als die Akteur*innen der EU und in der EU.
Hinweis: Das Titelbild wurde mit KI nach einem Prompt von Wolfgang Schmale erstellt.
Weitere Beiträge:
Kanada als 28. Mitglied der EU? Die Rede Mark Carneys auf dem Weltwirtschaftsforum Davos (11.2.2026)
Kanada und EU 2017: Wolfgang Schmale: Was wird aus der Europäischen Union? Geschichte und Zukunft (2018), S. 146
