Will Kanada 28. EU-Mitglied werden? Der kanadische Premierminister Mark Carney zeigte in seiner vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, 20. Januar 2026, gehaltenen Rede Europa einen in der aktuellen Situation der Liquidierung des nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten internationalen Systems gangbaren Weg auf. Es handelt sich inhaltlich um eine Europa-Rede – mit Kanada als Motor.
Kanada als Motor auch für die EU
[1] Mark Carneys Rede vom 20. Januar 2026 vor dem Weltwirtschaftsforum Davos beschäftigt die Medien auch drei Wochen später noch, und das mit Recht. Er zeigt nicht zuletzt Europa einen in der aktuellen Situation der Liquidierung des nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten internationalen Systems gangbaren Weg auf. Es handelt sich inhaltlich um eine Europa-Rede – mit Kanada als Motor.
[2] Da Kanada mit Europa ebenso viel wenn nicht mehr verbindet als mit den USA, ist es nicht erstaunlich, dass der kanadische Premier Europa etwas Konstruktives zu sagen hat, aber es wäre auch nicht verkehrt gewesen, wenn eine solche wegweisende Rede aus Europa selber gekommen wäre. Über Selenskyjs Europa-Rede wurde hingegen kaum diskutiert und sie hat keinen nachhaltigen Effekt erzielt.
Die Wiederkehr der mittleren Mächte oder „The Power of the Powerless“
[3] Carney bezeichnet die bisherige Weltordnung als nette Fiktion, die nun der harten Realität habe weichen müssen. Das mit der Fiktion ist übertrieben, aber ganz unwahr ist es auch nicht. Viele haben den Eindruck, dass seit einigen Jahren in puncto Machtpolitik das 19. Jahrhundert nachgespielt wird, mit tödlicher Konsequenz.
[4] Carney rechnet Kanada zu den „intermediate powers“, zu denen man auch die EU zählen kann. Diese mittleren Mächte „have the capacity to build a new order that encompasses our values, such as respect for human rights, sustainable development, solidarity, sovereignty and territorial integrity of the various states.“
[5] Dies sind ebenso zentrale Werte der EU. Sie ist gut beraten, sich weiterhin daran zu halten und nicht ihren Kompass zu verlieren. Carney warnt die von ihm, bis auf Kanada, nicht konkret benannten mittleren Mächte vor Anbiederung an die großen Mächte, die er namentlich nicht nennt. Er orientiert sich an Václav Havels Text „The Power of the Powerless” von 1978. Ein System besteht so lange, wie alle oder die meisten an es glauben und so tun, als sei es tatsächlich. „The system’s power comes not from its truth, but from everyone’s willingness to perform as if it were true, and its fragility comes from the same source“, sagt Carney.
[6] Die regelbasierte Weltordnung, die nun ende, sei sehr lückenhaft gewesen, asymmetrisch in der Praxis, und keineswegs hätten die großen Mächte in den vergangenen Jahrzehnten auf das „Recht“ des Stärkeren verzichtet. Insoweit handelte es sich um ein Stück Fiktion, von dem viele taten, als sei es tatsächlich eine regelbasierte Ordnung.
Die internationale „Ordnung“ nach 1945 als Fiktion
[7] Fiktionen sind aber funktional, und so räumt Carney ein: „This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.“ Dies funktioniere nun nicht mehr – man kann für sich ergänzen: Weil Trump & Co. es nicht mehr wollen.
[8] Die sehr weit fortgeschrittene globale Integration habe in den vergangenen Krisen (Finanzkrise, Covid-19 etc.) ihre Anfälligkeit für Störungen gezeigt, und es habe sich gezeigt, dass sie als Waffe aufgrund der entstandenen Abhängigkeiten eingesetzt werde. Streben nach mehr Autonomie und Abschottungstendenzen seien verständlich, zumal die internationalen Strukturen wie die der UNO stark geschwächt worden seien und noch weiter geschwächt werden.
„Habe Mut deine eigenen Mittel der Resilienz zu erkennen und dich ihrer zu bedienen!“
[9] Es mache aber keinen Sinn und sei außerdem nicht erfolgreich, wenn jetzt jedes Land eine Festung werden wolle, vielmehr gelte: „Collective investments in resilience are cheaper than everyone building their own fortresses.“
[10] Dies exemplifiziert der kanadische Premier dann am eigenen Land anhand der Diversifizierung der (Frei-)Handelsabkommen und anderer Abkommen. Seine These lautet, dass jetzt nicht ein neuer Block mit der Hoffnung auf geopolitisches Gewicht zu bilden sei, vielmehr müsse man mit Variablen arbeiten: „We’re doing something else. To help solve global problems, we’re pursuing variable geometry, in other words, different coalitions for different issues based on common values and interests.“
[11] Carney empfiehlt dies als gemeinsame Strategie für alle Länder, die dieselben Werte teilen. Hier kommt der in den Medien viel zitierte Satz: „Argue, the middle powers must act together, because if we’re not at the table, we’re on the menu.“
[12] Der Premier fordert mehrfach zu einer ehrlichen Analyse der Situation auf, zur Verabschiedung von Fiktionen. Die – praktisch auch von allen europäischen Ländern je für sich beschworene – Souveränität gehe verloren, wenn man sich den großen Mächten anbiedere. Carney hätte auch Immanuel Kant paraphrasieren können: „Habe Mut deine eigenen Mittel der Resilienz zu erkennen und dich ihrer zu bedienen!“
Kanada als 28. Mitglied der EU?
[13] Es stellt sich die Frage, was aus der Rede konkret folgen sollte. Keine neue Blockbildung, wie Carney meint, aber ist die Multiplizierung von Abkommen die einzige Alternative? Ist nicht „variable Geometrie“ auch eine Art Re-enactment des 19. Jahrhunderts?
[14] Zwischen Kanada und der EU gibt es einige Unterschiede, aber sie sind nicht so groß, als dass Kanada nicht der EU beitreten könnte, wie ich schon 2018 in meinem Buch zur Geschichte und Zukunft der EU ausgeführt habe. Da der US-Präsident nahezu täglich neue Drohungen gegen Kanada ausstößt, mag der Moment, wo die wirtschaftliche Entflechtung mit den USA von diesen selbst betrieben wird, schneller kommen als gedacht. Damit würde der schwierigste Aspekt eines Beitritts minimiert, während Demokratie und Werteorientierung in Kanada und EU sehr ähnlich sind.
[15] Kanada ist schon jetzt der zuverlässigste Partner der EU, wenn es um Grönland und die Sicherheit in der Arktis, im Übrigen auch in Europa, geht. Es steht mit der EU verlässlich an der Seite der Ukraine, es nimmt an etlichen Programmen der EU teil, wie Carney nicht zu erwähnen vergisst.
[16] Er deutet an, dass jene Kritik sehr berechtigt ist, die beispielsweise afrikanische Länder am doppelten Maßstab üben, den auch viele europäische Länder verwenden, wenn es um die anderen und nicht um sie selber und ihre Interessen geht. Hier muss ein Umdenken und ein Umsteuern erfolgen – das ist einer der wichtigsten Punkte in Carneys Rede, den er auch ausführlicher hätte gestalten können. Denn Europa steht recht allein da und muss sich neue „Freunde“ suchen, soweit der Typus „Freund“ in den internationalen Beziehungen existiert.
[17] Die EU sollte eine Diskussion über ihre Erweiterungsstrategie nicht scheuen. Wieviel Sinn macht es noch, Zeit und Energie in die Vorbereitung, beispielsweise, eines Beitritts Serbiens zu stecken? Es gibt geopolitische Überlegungen, das weiter zu tun, aber Präsident, Regierung, regierungsnahe Medien, die den Ton angeben, und Bevölkerungsmehrheit sind gegen einen EU-Beitritt. Vor 20 Jahren wäre die Chance dagewesen, sie ist vertan.
[18] Das ist nur ein Beispiel, mit dem angedeutet werden soll, dass das „Europäische“ in „Europäische Union“ im 21. Jahrhundert nicht dogmatisch ausgedeutet werden darf. Oder anders gesagt: Kanada ist wahrscheinlich europäischer als das mehrheitliche Serbien des Aleksandar Vučić. Schaut man auf erwartbare Inputs, ist Kanada um ein Vielfaches attraktiver als andere „europäische“ Länder.
[19] Politisch steht ein Beitritt Kanadas auf keiner Agenda, aber das Thema würde ebenso spannende wie aufschlussreiche Diskussionen darüber versprechen, wie sich die EU ihre strategische Entwicklung vorstellen soll.
Empfohlene Zitierweise (die Absätze sind in eckigen Klammern für Zitationszwecke nummeriert):
Wolfgang Schmale: EU und Kanada – wie nahe sind sie sich? Die Rede Mark Carneys auf dem Weltwirtschaftsforum Davos. In: Wolfgang Schmale: Blog „Mein Europa“,
https://wolfgangschmale.eu/2026/02/11/eu-und-kanada-mark-carney/, Eintrag 11.02.2026 [Absatz Nr.].
