80 Bände globale Staatenkunde um 1700, erforscht von Volker Bauer
Volker Bauer befasst sich mit einer staatenkundlichen Serie, den „Rengerische Staaten“, die ab 1704 im Verlag Renger in Halle erschien und es bis 1718 auf rund 80 Bände brachte. Zwei Drittel der Bände decken Europa, ein Drittel Afrika, Asien und Amerika ab.
„Globale Staatenkunde“ in der Rengerischen Buchhandlung in Halle/Saale
[1] Als erstes erschien 1704 der Band zu Portugal „Der Staat von Portugall“ – völlig anonym, das heißt ohne Verlagsimpressum und ohne Autor. Im Großen und Ganzen gilt das für die ganze Serie. Diesen Umstand nutzt Bauer einerseits für eine geradezu kriminologische Untersuchung, in deren Zuge er Verlag und wahrscheinliche Autoren dingfest macht, andererseits nutzt er ihn für eine mediengeschichtliche Einordnung der ebenfalls von ihm rekonstruierten und offenbar erfolgreichen Verlagsstrategie (Kapitel 1).
[2] Die „Rengerische Staaten“ richteten sich nicht an die Wissenschaften, auch wenn die Autoren mit der Universität Halle verbunden waren, sondern an ein interessiertes Publikum, das möglichst niederschwellig in die Lektüre einsteigen können sollte. Je niederschwelliger, desto höher der Verlagserfolg, das war schon immer so, wie es sich wieder einmal bestätigt.
[3] Als Leser oder Leserin musste man sich ganz schön ranhalten, erschienen doch innerhalb von vier Jahren (1704-1708) die ersten vierzig Bände und weitere rund vierzig Bände bis ca. 1718. Jahrelang wurden die „Rengerische Staaten“ auf den einschlägigen Buchmessen angeboten, es gab Tipps zur Zusammenbindung, denen, ausweislich verschiedener Bibliotheksbestände, zeitgenössisch durchaus gefolgt wurde.
[4] Die Texte beruhen im Wesentlichen auf Kompilationen von anderen Texten, die meistens im Verlauf des 17. Jahrhunderts erschienen waren. Reiseberichte spielten dabei als Quellen eine wichtige Rolle. Teilweise wurden Vorlagenteile einfach ins Deutsche übersetzt, eine mitunter recht kreative Tätigkeit. Bauer gibt für diese Techniken immer wieder konkrete Beispiele.
[5] Es gab für die „Rengerische Staaten“ ein unmittelbares Modell, nämlich die „Elzevirische Republiken“ aus dem Verlag Elzevir aus den Jahren 1625 bis 1649. Die verlegerische Idee bei Renger war insoweit nicht allzu originell, zumal die „Republiken“ von Elzevir auch schon andere Verlage inspiriert hatten.
Inhalte – nicht nur Stereotypen
[6] All dies bedeutet freilich nicht, dass die Serie nicht einen inhaltlichen Mehrwert gehabt hätte. Zum einen sind Anpassungen der Vorlagen und Quellen an die Zustände zur Zeit der Publikation der Bändchen nachweisbar, zum anderen gab es gelegentlich und nur zu wenigen Titeln bald Neuausgaben, und zum dritten gab es eine informelle Strukturierung der jeweiligen Inhalte, die in der „Einleitung zu den Europäischen Staaten Und Derselben Beschluß“ (1708) zu finden ist, die die erste Serie zu Europa abrundete. Diese informelle Strukturierung lässt sich auch annäherungsweise in den Bänden zu den nicht-europäischen Staaten wiederfinden. Diese „Einleitung“ wird von Bauer ausführlich analysiert und sie liefert den roten inhaltlichen Faden für die vergleichende Darlegung der Europa betreffenden Bände (Kapitel 2), für die vergleichende Darlegung der Asien, Afrika und Amerika behandelnden Bände (Kapitel 3) und schließlich für den Metavergleich beider Hauptserien, der auch das Schlusskapitel charakterisiert.
[7] Bauer koppelt die publizierten Texte – die waren, wie sie waren – und die die Leser und Leserinnen – letztere wurden ausdrücklich vom Verlag angesprochen – zunächst einmal so als Endprodukt vorgesetzt bekamen, an die Forschung zu Staat, Republik, Monarchie, Hof, Dynastie, Medien, Kommunikation, Fremdwahrnehmung, Vorurteilsbildung usw. in der frühen Neuzeit rück.
[8] Einerseits gibt es Bestätigungen von Vorurteilen oder Stereotypen: Höherbewertung Europas gegenüber allen anderen Staaten und Regionen der Erde; Despotie als orientalisches Phänomen, Sklaverei als nicht-europäisches Phänomen, Überlegenheit des Christentums als Religion, etc. Andererseits lässt sich aus den „Rengerische Staaten“ nicht wirklich ein strikt eurozentrisches Masternarrativ herausfiltern. Dass China Europa gleichgestellt wird, ist um 1700 eher die Regel als die Ausnahme, und das bleibt ja auch noch eine Weile im 18. Jahrhundert so. Kolonialismus, Sklaverei sowie Sklavenhandel bleiben nicht von Kritik ausgenommen.
[9] Ein Teil der Bände ist mit Frontispizen ausgestattet, die Bauer reproduziert und ausführlich interpretiert. Bild und Text der Renger-Bändchen sind in der Regel kongruent. Im Blogbeitrag Europa Regina II gehe ich genauer auf den Frontispiz der „Einleitung“ ein, der die damals bekannten vier Kontinente unter der Herrschaft der Europa darstellt.
[10] Da die meisten Herrschaftsformen in und außerhalb Europas monarchisch waren und u.a. auf höfisches Zeremoniell zurückgriffen, das europäischen Besuchern am Hof des Mogul, um nur ein Beispiel zu nennen, insoweit vertraut oder wenigstens für sie wiedererkennbar war, wurden in den Bänden keine scharfen kulturellen Trennlinien herausgearbeitet. Die Stereotype des Kannibalismus, des Barbarischen, der „Vielweiberei“, der „Weibischkeit“ u.a. tauchen immer wieder auf, ohne wirklich systematisiert zu werden und ohne so etwas wie rassenkundliche Einordnungen vorzunehmen. Zwar wird durchgehend über Hautfarben berichtet, aber die Texte sind offenbar, ausgehend von der sehr genauen inhaltlichen Analyse der „Rengerische Staaten“ durch Bauer, deutlich von rassenkundlichen Tendenzen entfernt.
[11] Unterm Strich – und darin liegt sicher ein Mehrwert des Verlagsprojekts – boten die Texte, trotz Kompilation und hier und da feststellbarer Nahezu-Plagiaten oder Plagiaten, ein recht aktuelles globales Bild der Herrschaftsformen in den ersten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts.
[12] Bauer geht bei der Untersuchung der „Rengerische Staaten“ akribisch vor. Die Angebotsseite, die „Rengerische Staaten“ als Verlagsprodukt für einen attraktiven Buchmarkt, wie er im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bestand, kann als bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet gelten. Bauers Forschung ist anschlussfähig zu den Postcolonial Studies.
Was blieb bei den Leser*innen hängen?
[13] Doch wie sah es mit der Rezeptionsseite aus? Bauer kann hin und wieder einen Hinweis geben, dass ein Bändchen aus der Reihe oder die Reihe als solche in einem anderen Druckwerk zitiert wurde, man kann auch aus den Ausführungen schließen, dass dieses Publikationsprojekt unternehmerisch erfolgreich verlief, aber das besagt nichts über die tatsächlichen Leserinnen und Leser und darüber, was sie verstanden oder aus der Lektüre mitnahmen.
[14] In der Regel ist das schwierig zu rekonstruieren. Bauer ordnet das Verlagsprojekt einem „nachfragegetriebenen Medienkomplex“ zu, „der als Öffentlichkeit charakterisiert werden kann.“ (S. 65) Statt „Medienkomplex“ heißt es auch „Nachrichtenmedienverbund“, der „jegliche obrigkeitliche Kommunikationskontrolle […] ins Leere laufen [ließ] und […] entscheidend das Nachrichtenmonopol der Herrschaftseliten [schwächte].“ (S. 66). Zudem sei „der arkane Charakter des Herrschaftshandelns unterminiert“ worden. (S. 66) Schließlich sei es selbsterklärtes Ziel des Verlags gewesen, der „Leserschaft ‚mit gutem judicio‘ ein Differenzierungsvermögen“ zu entwickeln helfen. (S. 66)
[15] Sollte es so gelaufen sein, dann hat auch der Verlag Renger in Halle zur Emanzipation des Untertanen zum Bürger beigetragen.
Das Buch:
Bauers Forschungsmonografie wird mit einem Verzeichnis aller Bände der „Rengerische Staaten“, der anderen zitierten frühneuzeitlichen Publikationen, einem Verzeichnis der zitierten Sekundärliteratur, einem Personenregister und einem Register aller Nennungen im Buch der verschiedenen Bände der „Rengerische Staaten“ beschlossen.
Der Autor befasst sich schon länger mit den „Rengerische Staaten“ und hat seit 2020 mehrere Aufsätze und Buchbeiträge dazu vorgelegt, auf denen das vorliegende Werk ebenso aufbaut wie auf seinen breiten Forschungen zur höfischen Gesellschaft und Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit. Mit der Publikation wird das bis Dezember 2025 an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel angesiedelte Projekt von Volker Bauer „Globalisierte „Staaten“-Welt im frühen 18. Jahrhundert. Die staatenkundlichen Serien des Verlages Renger (1704–1718)“ abgerundet.
Volker Bauer, Idealisierung und Entzauberung Europas um 1700. Globale Staatenkunde in den Serien des Verlags Renger, Wolfenbütteler Forschungen 180, Wolfenbüttel, Harrassowitz Verlag in Kommission, 2025, 391 Seiten, 32 Abbildungen.
Empfohlene Zitierweise (die Absätze sind in eckigen Klammern für Zitationszwecke nummeriert):
Wolfgang Schmale: Die „Rengerische Staaten“. 80 Bände globale Staatenkunde um 1700, erforscht von Volker Bauer. In: Wolfgang Schmale: Blog „Mein Europa“,
https://wolfgangschmale.eu/2026/02/09/die-rengerische-staaten/, Eintrag 09.02.2026 [Absatz Nr.].

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