Europa Regina II

Rengerische Staaten - Einleitung - Frontsipiz

Europa als Herrscherin der Welt nach den Vorstellungen des Heinrich Ludwig Gude (1708) in den „Rengerische Staaten“

Der Kontrast zwischen den üblichen frühneuzeitlichen allegorischen Darstellungen Europas als Regina Mundi und der heutigen geopolitischen Minderbedeutung Europas könnte kaum größer sein. Im Jahr 2026 drängt sich der Vergleich spontan in die Betrachtung solcher historischer Bildquellen hinein. Aber weder gibt es Anlass zu Nostalgie mit Blick auf die Europa Regina noch zu einer neuen Machtrhetorik im Fahrwasser der Autokraten der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts, vielmehr bleibt die kritische postkoloniale Perspektive die richtige.

Die „Einleitung zu den Europäischen Staaten Und Derselben Beschluß“ (1708)

[1] Bei dem hier zum Anlass genommenen Bild handelt es sich um den Frontispiz einer lediglich 82 Seiten umfassenden Schrift unter dem Titel „Einleitung zu den Europäischen Staaten Und Derselben Beschluß“. Sie erschien 1708 im Verlag Rengerische Buchhandlung, die in Halle a.d.S. ansässig war. Ein Autor wurde nicht aufgeführt, es handelt sich aber um Heinrich Ludwig Gude. Das Druckwerk gehört in eine Serie von insgesamt ca. 80 Bändchen des Verlags Renger, die zwischen 1704 und 1718 erschienen und u.a. als „Rengerische Staaten“ bekannt sind. Dargestellt werden die europäischen Staaten sowie Staaten in Asien, Afrika und Amerika.

[2] Volker Bauer (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dieser Serie sowohl verlags- und mediengeschichtlich wie inhaltlich befasst. Ende 2025 erschien hierzu seine Forschungsmonografie „Idealisierung und Entzauberung Europas um 1700. Globale Staatenkunde in den Serien des Verlags Renger“.

[3] Mein Blick blieb klarerweise an diesem Frontispiz hängen – nach rund 25 Jahren Beschäftigung mit den zahlreichen typologischen Bild- und Textvarianten der Europa Regina Darstellungen und speziell den Erdteilallegorien, also den „Vier Theilen der Welt“, wie es in der Frühen Neuzeit gerne genannt wurde.

[4] Der Frontispiz wird im Text beschrieben. Beides zusammengenommen ist von Interesse, weil Gude zur Beschreibung des Bildes eine Beschreibung der Europa Regina nutzt, die eher zu einem anderen Typ der Europa Regina passt, nämlich jenen, den ein gewisser Johannes Putsch 1534 geschaffen hatte (Abbildung) und der im 16. Jahrhundert einige Bestseller schmückte (Sebastian Münster, Heinrich Bünting). Diese an der Europa des Frontispizes von 1708 eigentlich gar nicht vollziehbare Beschreibung kombiniert Gude mit einer weiteren an gängige Körpermetaphern angelehnten Interpretation des Bildes, die dieses ebenso wenig hergibt. Der Europa Mythos wird auch noch eingearbeitet. Später, nicht zur Beschreibung des Frontispiz gehörend, auch die Japhet Legende.

[5] Dieses „Durcheinander“ mag Konsequenz der kompilatorischen Verfahrensweise sein, die in den „Rengerische Staaten“ Anwendung fand.

Der Frontispiz mit der Europa als Weltenherrscherin

Frontispiz zu Heinrich Ludwig Gude, Einleitung zu den Europäischen Staaten Und Derselben Beschluß, Frankfurt/Leipzig, Rengerische Buchhandlung Halle, 1708. Das Bild wurde bearbeitet (aufgehellt, schärfere Kontraste)

[6] Der Frontispiz ist konventionell aufgebaut und billig gemacht. Europa sitzt deutlich erhöht auf einer Art Thron, der Ähnlichkeit mit einem Sockel, wie er für Statuen verwendet wird, zuzüglich Lehne aufweist. Das Ganze steht zusätzlich auf einem weiteren Podest, auf dem auch die baldachinartige Konstruktion hinter der Europa steht. Der Anklänge an einen Altar oder Tempel aufweisende Baldachin vereinigt bekannte Symbole der Macht wie etwa die zwei Säulen. Die drei anderen Erdteile (Afrika, Asien und Amerika) huldigen der Europa und folgen ebenfalls den verbreiteten Konventionen bei der Visualisierung der Erdteile mittels gestufter Bekleidungen und Attributen. Die Huldigung wird in Worte gefasst und zugleich begründet: „Europa kommt nichts gleich wie ihre Staaten zeigen, Es muß die gantze Welt vor Ihrer Macht sich neigen.“ Die Ausstattung der vier weiblichen Figuren folgt der im 16. Jahrhundert etablierten Hierarchie: Europa, Asia, Afrika, Amerika.

[7] Die Europa trägt eine Bügelkrone – bei Produktionen wie der vorliegenden, die im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation entstanden sind, ist davon auszugehen, dass zusammen mit der Europa das Reich gemeint ist (darauf weist die Verwendung einer Bügelkrone hin) und entsprechend erhöht wird. Das wird gestützt durch den Umstand, dass die erste Serie von 40 Bändchen (1704-1708) in den „Rengerische Staaten“ zur Hälfte auf das Reich entfällt, während die andere Hälfte das „restliche“ Europa abdeckt. Ansonsten ist die Europa wie eine Monarchin eben edel und teuer gekleidet.

[8] Im Hintergrund erstreckt sich eine Landschaft mit (von links nach rechts) Feldern, einer Siedlung mit Kirchturm, Bergen, Wald und Fluss. Wie gesagt, das Ganze ist überaus billig gemacht und hat keinerlei künstlerischen Anspruch. Der Frontispiz ist nicht zum genauen Hinschauen gedacht, er soll nichts anderes tun als Stereotype im Zusammenhang der Darstellungen der vier Erdteile zu evozieren.

Die Interpretation des Frontispiz durch Heinrich Ludwig Gude

[9] Gude beginnt seine „Einleitung“ mit einer Vorrede, aus der alle folgenden Zitate in diesem Abschnitt stammen: „(…) insonderheit Strabo hat das edelste Theil der Welt unser Europa unter dem Bilde eines fliegenden Drachens vorgestellet: allein weil dieses eine allzuentsetztliche Figur haben die neuern diesem schönen Welt-Theile eine viel angenehmere Gestalt gegeben / indem sie es als eine sitzende Jungfrau abbilden / welche Erfindung von den (das Frauenzimmer sonderlich hochhaltenden) Frantzosen herkommet.“

[10] Die Bezeichnung der Europa als Jungfrau war gängig, während die seit einigen Jahrzehnten gebräuchliche Namensgebung „Europa Regina“ kaum frühneuzeitlich ist. Gleichwohl ist sie „praktisch“, weil sie den Kern der entsprechenden Bildsprache ausdrückt. Dass „die Franzosen“ die Darstellung der Europa als Jungfrau erfunden haben sollen, ist eher falsch, aber erlaubt Gude, mittels des Zusatzes in Klammern ein Frankreich-Stereotyp anklingen zu lassen. Diese ersten Sätze lassen den Willen des Autors, die Leser*innen zu unterhalten, deutlich hervortreten.

[11] Doch Europa sehe weder einer „Jungfer“ noch einem Drachen ähnlich. Freilich habe sie, so die Erzählung, „den Nahmen von einer Jungfrau Europa, des Königs Agenoris in Phœnicien Tochter (…) / und ist solchergestalt eine unbefleckte Königliche Princessin in Ansehung der andern Welt-Theile. Dannenhero ein gewisser Geographus mit recht sagen können: diese Jungfrau ist so mächtig / daß sie eine Beherrscherin des Cameles / und eine Besitzerin des Hertzens ist. Wodurch er nichts anderes andeuten wollen / als Europa, so unter dem Bilde einer gekrönten Jungfrau vorgestellet werde / sey mit ihren volckreichen Staaten so mächtig / daß sie eine Beherrscherin des Cameles / worunter Asia abgebildet wird / und eine Besitzerin des Hertzens / unter welchen Bilde Africa zu verstehen / billich zu nennen / ja sie sey eine Erfinderin und Königin der neuen Welt geworden.“

[12] Nun erst bezieht sich Gude direkt auf den Frontispiz: „Diese Hoheit von Europa, und daß sie eine Überwinderin der andern Welt-Theile sey / will auch / das vor dieser Einleitung zu den europæischen Staaten stehende Kupfferblat zuverstehen geben.“

[13] Scheinbar hielt Gude vom Frontispiz selber nicht allzu viel und wechselt an dieser Stelle im Text zu jener Beschreibung der Europa, die zu Putsch’s Typus der Europa Regina passt: „Die Fontange oder vielmehr Crone ist Portugall.“ Die Europa-Serie der „Rengerische Staaten“ beginnt mit Portugal. Das Gesicht sei Spanien, das „Ohrgehänge die Balearischen und Pityusischen Insuln.“

[14] Die einzelnen Körperteile werden systematisch abgearbeitet. Nach dem Oberkörper kommt die untere Körperhälfte, die als unedel galt: „Der Hintertheil des Leibes ist Griechenland und Morea, um welchen viel Insuln verstreuet liegen / worunter Candia die gröste. Die Knie sind Dännemarck / Norwegen / Schweden. Der Rock bis auf die Füsse ist Moscau;“

[15] Gude schiebt dann eine Begründung für diese Vorrede zu seiner „Einleitung“ hinterher: „Ich lasse es nun dahingestellet seyn / ob die Gestalt der Jungfrau wohl oder übel herausgebracht sey / wann der hochgeneigte Leser nur mehr Vergnügen in der Durchsehung dieser Einleitung zu den Europæischen Staaten findet / welche man hiermit seinem billichen Urtheil / ohne fernere Ausschweiffung unterwirfett.“

[16] Das Anliegen des Lesevergnügens spielte im Übrigen auch schon bei Bünting, der eine Variante der Europa Regina von Putsch für sein Itinerarium Sacrae Scripturae (mehrere Auflagen seit den 1570er Jahren) benutzte, eine wichtige Rolle. Didaktik wurde schon im 16. Jahrhundert groß geschrieben, allerdings nur mit Blick auf männliche Leser. (Näheres in: Wolfgang Schmale: „Europa – die weibliche From“)

Unterhaltung vor Ideologie

[17] Gudes „Einleitung“ beschreibt dann wichtige Quellen für die Abfassung der 80 staatenkundlichen Bände sowie die idealerweise für jeden Staat durch alle Autoren der Serie zu berücksichtigenden Gliederungspunkte. Volker Bauer hat alle Bände auf diese Gesichtspunkte hin analysiert. Gerade das Verhältnis zwischen den Europa gewidmeten Bänden und jenen, die Staaten in Asien, Afrika und Amerika beschreiben, ist dabei von Interesse.

[18] Dass kräftig mit der Heranziehung von Stereotypen gearbeitet wurde, um die Leser*innenschaft dort abzuholen, wo Gude glaubte, dass sie stehe, ist schon deutlich geworden. Faktisch wird aber nur in die Kiste gegriffen und werden die Fundstücke hingelegt, es wird keine Weltanschauung konstruiert wie später in der Aufklärung und deren Menschheitsgeschichten. Die Monarchie als Herrschaftsform verbindet die allermeisten Staaten der Erde, wirklich „despotisch“ ist nur das Osmanische Reich, dem wichtigsten „Anderen“ des christlichen Europas.

[18] Unterhaltsamkeit stand vor Ideologieverbreitung. Die Umkehrung dieser Beziehung vollzog sich im Lauf des 18. Jahrhunderts.


Für die „Einleitung“ von Gude, Frontispiz und Text, wurde das folgende Digitalisat verwendet: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10918533?page=5. Der Frontispiz wurde bezüglich Helligkeit und Kontraste vom Autor des Blogeintrags bearbeitet.

Hier geht’s zum Blogbeitrag Europa Regina I

Empfohlene Zitierweise (die Absätze sind in eckigen Klammern für Zitationszwecke nummeriert):
Wolfgang Schmale: Europa Regina II. In: Wolfgang Schmale: Blog „Mein Europa“, https://wolfgangschmale.eu/2026/02/02/europa-regina-ii/, Eintrag 02.02.2026 [Absatz Nr.].

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