EU: Gemeinsame Erklärung „Europa für Kultur – Kultur für Europa“

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=OJ%3AC_202690054

Worum es geht

EU-Kommission, Rat und Europäisches Parlament haben am 18. Juni 2026 eine gemeinsame Erklärung unter der Überschrift „Europa für Kultur – Kultur für Europa“ verabschiedet. Die Erklärung stellt lediglich den jüngsten politischen Schritt hinsichtlich des für die EU-Politik immer zentraler werdenden Felds „Kultur“ dar. Vorangegangen sind u.a. die „Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“ (2007) und die „Neue Europäische Agenda für Kultur“ (2018 – Europäisches Kulturerbejahr). Die Betrachtungsfelder wurden systematisch erweitert, von Identität und Vielfalt zu Wirtschaft und Gesellschaft und nun zur zentralen Strategie der EU.

Im Dokument geht es darum, was die EU – die nicht nur in diesem Dokument als Synonym für Europa steht – zur Förderung der Kultur und Kulturschaffenden zu tun beabsichtigt, aber vor allem darum, wie Europa von „seiner“ Kultur politisch, ökonomisch, international und generell strategisch profitieren kann.

Es läuft darauf hinaus, Europa wieder essentiell und zuerst als Kultur zu verstehen. Faktisch wird damit an eine im 18. Jahrhundert entwickelte Position angeknüpft. Dieser historische Bezug wird im Dokument nicht hergestellt, aber schon der erste Absatz der Präambel stellt Kultur ins Zentrum des Europabegriffs.

Zentrale Inhalte

„Europa ist ein Kontinent mit einer unübersehbaren Fülle an Kunst, Kultur, Kreativität sowie einem reichen kulturellen und historischen Erbe. Die Vielfalt und die Dynamik Europas im Bereich der Kultur, die durch die Exzellenz seiner Kunst-, Kultur- und Kreativschaffenden angetrieben werden, sind von grundlegender Bedeutung für die Werte und die Identität der EU, da sie das europäische Zugehörigkeitsgefühl und eine gemeinsame europäische Identität stärken und die Demokratie festigen.“

Danach folgt dann direkt der ökonomische Mehrwert von „Kultur- und Kreativbranchen“ und der „Kultur- und Kreativwirtschaft“, der beträchtlich und umfassend sei: „Sie stellen eine strategische Ressource für die Wettbewerbsfähigkeit und den Zusammenhalt in Europa dar, da sie Wirtschaftswachstum sowie sektor- und gebietsübergreifende positive Spillover-Effekte generieren, qualifizierte Arbeitsplätze schaffen und den kreativen und innovativen Vorsprung der EU stärken.“

Im dritten Absatz der Präambel wird es wieder grundsätzlicher: „Kultur und Kulturerbe untermauern die Grundwerte, auf die sich die EU stützt – Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte (Artikel 2 EUV) – und verkörpern das Motto „in Vielfalt geeint“.“ Letzteres würde man aus einer historisch-kritischen Sicht heraus wohl nicht so schreiben, aber ein politisches Dokument ist ein politisches Dokument. Trotzdem: „Vielfalt“ kann nicht nur dann als schützenswert erachtet werden, wenn sie zu einem Geeintsein führt.

Außerdem könnte man monieren, dass implizit mit einem selektiven Kulturbegriff gearbeitet wird, ohne diesen klar auszuformulieren. Historisch betrachtet dürfte man kaum zu dem Schluss kommen, dass „Kultur und Kulturerbe … Grundwerte“ etc. „untermauern“ – da hat es ganz Anderes in der europäischen Kultur gegeben.

Das zieht die Frage nach sich, welche Freiheit gemeint ist, wenn von der Freiheit der Kunst und Kultur im Text die Rede ist. „Kultur“ ist eigentlich ein wertneutraler Begriff und nicht auf Demokratie, Menschenrechte usw. als Ergebnis festgelegt – was nicht heißen soll, dass es nicht begrüßenswert wäre, wenn das als Ergebnis der Kultur herauskommt.

Der vierte Absatz der Präambel macht „Kultur“ erst recht zum zentralen Inhalt Europas: „Kultur und Kulturerbe schaffen Raum, um wünschenswerte Zukunftsperspektiven zu entwerfen, und sind für die europäische Lebensweise von entscheidender Bedeutung. Sie bieten eine Plattform für den öffentlichen Dialog, bringen Gemeinschaften zusammen, bereichern das Leben, bringen Zusammenhalt in unsere Gesellschaften und sind ein wichtiger Faktor für das auswärtige Handeln der EU. Die EU kann ihre Kulturgüter nutzen, um Resilienz aufzubauen, Frieden und Demokratie zu fördern und innovative Lösungen anzustoßen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.“

Der fünfte Absatz wirkt dann doch eher überfrachtet: „Die Kultur stellt eine strategische Ressource für die EU dar, um sich den drängenden aktuellen Realitäten zu stellen, darunter geopolitische und geoökonomische Spannungen, Erderwärmung und Umweltzerstörung, soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, rasche technologische Veränderungen, der demografische Wandel und eine Krise in Bezug auf die psychische Gesundheit.“

Das Ziel der Erklärung (sechster Absatz der Präambel): „In dieser Erklärung wird eine langfristige strategische Vision formuliert, um die Kultur in den Mittelpunkt der europäischen Identität zu stellen.“

Was ist von dem Dokument zu halten?

Prinzipiell handelt es sich um einen interessanten Ansatz, die EU ganz von der Kultur her zu denken, was jedoch einen elaborierten Kulturbegriff erfordern würde. In Art. 9 der eigentlichen Erklärung, die sich mit Details der Kulturförderung befasst, lautet es: „Das Kulturerbe verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft. Es ist ein Symbol der Einheit in Vielfalt und ein Eckpfeiler unserer Identität, Demokratie und Resilienz.“

Das klingt danach, dass der Begriff „Kulturerbe“ und darin der Begriff der „Kultur“ sehr selektiv verstanden wird. Es ist nicht realistisch zu behaupten, dass das Kulturerbe ein „Symbol der Einheit in Vielfalt“ sei. Vieles ja, vieles nein.

Die drei EU-Institutionen haben nicht im Blick, dass „Identität“ nur auf der Grundlage eines kritisch-historischen Bewusstseins funktioniert. Mit dessen Förderung müsste vor allem anderen begonnen werden.

Von der Kultur Europas wird ein sehr positives Bild gezeichnet; schön wäre es, wenn dies zuträfe. Vermutlich wird es materiell betrachtet in Zukunft einiges an Kulturförderung geben, aber die Effekte werden weit hinter den Visionen und erbaulichen Grundsätzen der „Gemeinsamen Erklärung“ „Europa für Kultur – Kultur für Europa“ zurückbleiben.

Weitere Blogbeiträge zu Europa und Kultur:

Die europäische Kultur und der Terrorismus (26.3.2016)

Kulturgeschichte und Zukunft der Europäischen Union: je mehr Europa desto besser?! (7.3.2017)

In Vielfalt geeint – Über Europäische Identität (13.7.2018)

Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Europäische Zivilisation? (16.10.2018)

Europäische Identität – Hat sie eine Zukunft? (12.12.2025)