Wolodymyr Jermolenko über die „Kultur des Trotzdem“ der Ukraine – die, nach Auffassung Jermolenkos, ganz Europa zugutekommt

Buchcover Wolodymyr Jermolenko

Wolodymyr Jermolenko, Jg. 1980, ist seit November 2022 Präsident des Ukrainischen PEN-Clubs. Er zählt zu den international gehörten ukrainischen Intellektuellen. Er absolvierte u.a. die Central European University, in seiner Dissertation (PhD 2009) befasste er sich mit Walter Benjamin. In einer zweiten politikwissenschaftlichen Dissertation (Paris 2011, EHESS) verglich er „Zwei Epochen der konterrevolutionären Philosophie: Das konterrevolutionäre Denken in Frankreich (1789–1830) und in Russland (1905–1939)“. In der Ukraine ist er zivilgesellschaftlich engagiert, u.a. sammelt er Gelder, mit denen Fahrzeuge für die Armee erworben werden können. Er bereist sein Land kontinuierlich, auch die Kampfgebiete. Oft besucht er Cherson. Mit einem dieser Cherson-Besuche beginnt sein neuer Essay „Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft“.

Die geraubte Geschichte

Ideologisch stützt die Russische Föderation ihren Krieg gegen die Ukraine auf Geschichtsklitterung und Geschichtspropaganda. Gezielt werden die Erinnerungsorte der ukrainischen Geschichte und Kultur zerstört, Museen wurden geplündert, wie das Heimatmuseum in Cherson im Oktober 2023: „Heute herrscht in diesen Räumen Leere. Früher befanden sich hier Fragmente der Vergangenheit. Früher befanden sich hier Bruchstücke eines großen Mosaiks, aus dem wir hätten erahnen können, wie diese Vergangenheit ausgesehen hat. […] Wir sind in Cherson. Es ist Oktober 2023. […] Die RussInnen haben, als sie von der ukrainischen Armee aus Cherson verdrängt wurden, sämtliche Exponate gestohlen. Mehr als 20.000 Stück. Wie uns der Aufseher erzählt, kamen sie mit mehreren LKW, luden die Exponate einfach in Säcke und Tüten und schafften sie mit dem LKW weg. Als würden sie sagen: Ihr hattet eine Geschichte, und nun habt ihr keine mehr.“ (S. 7) Und weiter: „Die RussInnen rauben ukrainische Kinder, doch sie rauben auch die Kindheit der ukrainischen Geschichte. Der Entleerung des Raums geht immer die Entleerung der Zeit voraus.“ (S. 7)

Das ist das Grundthema des Buchs. Jermolenko skizziert in der Folge die Zugehörigkeit der Krym, der durch den Krieg bekannt gewordenen Schlangeninsel, der ukrainischen Schwarzmeerküsten etc. zum „ersten Europa“, wie es der 2020 verstorbene Althistoriker Wolfgang Schuller einmal genannt hat, also zum antiken, insbesondere griechischen Europa. Diese „Kindheitsgeschichte“ in Erinnerung zu bringen – Jermolenko tut das in einer eingängigen lyrischen Prosa – ist ein guter Ausgangspunkt, wohl nicht nur für manche westeuropäische Leser*innen, für die noch lange alles, was gebietsmäßig zur Sowjetunion gehört hatte, dann einfach „Russland“ war. Die Ukraine als eine eigenständige historische Entität gab es in diesem Geschichtsbild nicht. Die Ukraine-Spezialist*innen unter den westlichen Osteuropahistoriker*innen hatten es vor 2014 schwer, mit ihren Darstellungen zur ukrainischen Geschichte durchzudringen.

Die Ukraine hat eine eigene Geschichte

So langsam ändert sich das. Und wer mehr über die Geschichte der Ukraine lernen möchte, ohne ein dickes Buch mit zahllosen Anmerkungen lesen zu müssen, ist mit Jermolenkos „Kultur des Trotzdem“ bei der passenden Lektüre angelangt.

„Ukraine“ und „ukrainische Geschichte“ sind heutige Bezeichnungen, von denen aus die historische Rückschau organisiert werden kann. Wie immer, ist die Geschichte vielfältig, bunt, oft zergliedert, lange nicht „national“, aber am allerwenigsten „russisch“, wie viel zu lange aufgrund von Ignoranz, Desinteresse und Bequemlichkeit angenommen wurde. Die Enteignung der ukrainischen Geschichte durch das zaristische Russland begann früh und wurde seit der angeblich „aufgeklärten“ Zarin Katharina II. massiv vorangetrieben. In diesen Kontext gehört im Übrigen die Gründung von Cherson, mit der die Geschichte des Christentums in dieser Region zu russifizieren versucht wurde: Das antike Chersones liegt auf der Krym, die Neugründung unter Katharina II. ist sozusagen ein Fake bzw. Propaganda. Jermolenko erklärt die Hintergründe: „Der Name ‚Cherson‘ hatte für Katharina II. dieselbe Bedeutung wie für den heutigen Führer des Imperiums, Wladimir Putin. In Chersones auf der Krym empfing nämlich der Kyjiwer Fürst Wolodymyr im Jahr 989 die Taufe. Wolodymyr war ein Kyjiwer Fürst aus einer skandinavischen Dynastie, die von Rurik, einem warägischen Herrscher des 9. Jahrhunderts, abstammte.“ (S. 15) Nichts an diesen historischen Vorgängen war russisch, ebenso wenig die Kyjiwer Rus, mit der sich der Autor anschließend befasst.

Jermolenko beschreibt das Leben heute, 2026, in Cherson wie er es bei seinen häufigen Besuchen beobachtet und wie er daran mit kulturellen Veranstaltungen in Kellern und Untergründen teilhat. Es erschließt sich eindringlich, was das „Trotzdem“ aussagt: Weder in Cherson noch anderswo in der Ukraine lässt sich die Bevölkerung entmutigen und von einem kulturellen Leben mit Theater, Musik, Literatur, Kunst und so fort abhalten. Die Bewältigung des Alltags unter ständigen Drohnenangriffen und Raketenbeschuss ist überaus schwierig, und doch leben z. B. in Cherson nach wie vor einige zehntausend Menschen.

Wie eine Tyrannei funktioniert

Jermolenko beschäftig sich ausführlich mit der Frage, wie die Tyrannei der Russischen Föderation funktioniert. Die übliche Fokussierung auf Putin ist nachvollziehbar, aber damit eine Tyrannei funktioniert, bedarf es vieler Unterstützer*innen und letztlich des ganzen Staatsapparats. Jermolenko erklärt: „Eines der wichtigsten Werkzeuge des Tyrannen ist das Vertauschen von Opfer und Henker. […] Der Tyrann ist daran interessiert, dass der Mörder sich als Opfer und das Opfer sich als Mörder fühlt. […] In der russischen Ideologie werden die UkrainerInnen als Nazis bezeichnet, die einen Genozid verüben – mit dem Ziel, den russischen Genozid an den UkrainerInnen zu rechtfertigen. Sie behaupten hartnäckig, ihr Genozid sei moralisch gerechtfertigt, da er an jenen verübt werde, die selbst einen ‚Genozid begangen haben‘.“ (S. 65-66)

Der Autor charakterisiert den „russischen Kommunismus“ als „Thanatokratie“, da er auf der Herrschaft durch den Tod“ basiert habe. Nicht einmal „den eigenen Tod“ kann man in einer Thanatokratie sterben, allein der Tyrann bestimmt über den Tod. Das sei so unter Stalin gewesen und sei eben so unter Putin: „Putin hat den Krieg gegen die Ukraine nicht nur begonnen, um die Ukraine zu erobern, sondern auch, um den UkrainerInnen – und auch den russischen StaatsbürgerInnen, die er in den Tod schickt – zu beweisen, dass ihr Tod ihm gehört. Dass er bestimmen wird, wer wann und wie sterben wird.“ (S. 71)

Europakritik

Nicht ganz widerspruchsfrei ist der Europabegriff. Nachdem der Autor damit beginnt zu erzählen, inwieweit die spätere Ukraine Teil der Geschichte des „ersten Europa“ (W. Schuller – Jermolenko zitiert diese Ausdrucksweise Schullers nicht) gewesen war und auch danach immer Teil dieser europäischen Geschichte geblieben ist, scheint die implizit durchscheinende Gegenüberstellung von „Europa“ und „Ukraine“ nicht recht logisch. Gleichwohl klingt eine solche Sichtweise in vielen öffentlichen Diskursen durch. Man kann sicherlich „EU-Europa“ und Ukraine gegenüberstellen, da die Ukraine noch nicht Mitglied der EU ist (es aber werden will und die Beitrittsverhandlungen eröffnet wurden).

Dass EU-Europa nicht genug für die Ukraine tue, wie angedeutet wird, ist nicht objektiv festzustellen, da für solche Feststellungen unbestrittene Kriterien fehlen. Jedenfalls scheint der Autor hier derselben europakritischen Meinung zu sein wie Selenskyj in seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum Davos am 22. Jänner 2026.

Aus EU-Sicht dürfte hingegen bemerkenswert sein, dass demnächst zwei Dutzend Sanktionspakete vorliegen, auf die sich jeweils alle 27 Mitglieder einigen mussten und die sie jeweils verlängern mussten. Das ist für ein demokratisches System wie die EU, in der es keine Befehlskette von oben nach unten gibt, historisch bemerkenswert, nicht zu reden von den mittlerweile dreistelligen Milliardenbeträgen für die Ukraine und der Versorgung sowie möglichst Integration mehrerer Millionen ukrainischer Flüchtlinge. Was vorher kaum denkbar erschien, wurde in kurzer Zeit möglich: der Ukraine den Weg zum EU-Beitritt zu eröffnen. Nun ist die Ukraine am Zug – unter anderem gibt es hier dieses Stichwort: Korruptionsbekämpfung. Das ist nicht Jermolenkos Thema.

Ob die EU-Europäer*innen tatsächlich ihre Freiheit so wenig wertschätzen, dass sie sie nicht verteidigen würden, wenn es darauf ankäme, wie Jermolenko mehrfach durchblicken lässt, bezweifle ich. Aber lesen wir ihn nochmals selber: „Etwas an unserer Freiheit ist kaputt gegangen. Und etwas wurde schon vor langer Zeit kaputt gemacht. Haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, was genau? Habt ihr in Europa darüber nachgedacht, was genau? Was nämlich kaputt gegangen ist, ist die Einsicht, dass Freiheit verteidigt werden muss. Dass uns Werte nicht ein für allemal gegeben sind und dass sie kein Verbrauchsgegenstand sind. Dass moralischer Fortschritt nicht garantiert ist. Dass wir dann selbst werden, wenn wir danach streben, mehr zu sein, als wir sind.“ (S. 118)

Die Frage, was der Krieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine für ganz Europa bedeutet, hat mich auf diesem Europablog seit Februar 2022 mehrfach beschäftigt. Hier eine Auswahl aus den Artikeln:

Zeitenwende? Historische Wende? Putins Krieg gegen die Ukraine hat viel ausgelöst, aber das meiste kommt erst noch (28. Februar 2022)

Wird die EU den Willen aufbringen, sich tatsächlich zu erweitern? Ukraine, Moldau, Westbalkan, Georgien (24. Juni 2022)

Wir sind alle Ukraine (24. Februar 2023)

Nach zwei Jahren Krieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine: Hat die EU nun eine Strategie? (24. Februar 2024)

Frieden für die Ukraine (30. März 2024)

Ebenfalls von Interesse: Über: Marlene Streeruwitz: „Handbuch gegen den Krieg.“ (23. Mai 2022)

Abbildung: Cover des Buches „Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft“ von Woldymyr Jermolenko. Quelle: Verlagsseite